Spieltheorie: Japans Verpackungswahn auf der Spur

June 4th, 2005 at 01:23am Alexander Müller

In Japan werden jeden Tag Millionen von Geschenken mit Tonnen von Verpackungspapier eingewickelt. In den Kaufhaeusern gibt es dafuer eigene Schulungen - Artikel werden je nach Groesse mit bestimmten Handgriffen eingewickelt. Ein falscher Knick, und das gesamte Verpackungsmaterial wird weggeworfen und durch neues ersetzt.

Es ist praktisch unmöglich, in Japan ein Geschenk zu machen, ohne dass es meisterhaft eingepackt ist. Persönlich eingepackte Geschenke kommen nicht gut an, am besten ist es, wenn man noch einen Aufkleber mit auf dem Geschenkpapier hat, das den Namen (am besten Mitsukoshi, Seibu, Takashimaya, etc.) eines renommierten Kaufhauses zeigt.

Warum dieser Verpackungswahn?

Ein ungewöhnliche Begründung könnte folgender Ansatz liefern: Carmichael und McLeod veröffentlichten 1998 ein Buch, in dem sie unter Verwendung spieltheoretischer Ansätze der Frage nachgingen, warum auf einem Basar Transaktionen zustandekommen. Die Tatsache, dass auf einem Basar üblicherweise nicht mehrere Transaktionen zwischen den Marktteilnehmern stattfinden, ist in der Theorie ein Ausschlusskriterium für die Entstehung von Vertrauen, ausserdem fehlen Sanktionsmechanismen (durch wiederholte Spiele, so im Spieltheorie-Terminus…).

Ein einmaliges Spiel liefert nur ein Gleichgewichtszustand: das klassische Nash-Equilibrium (wir erinnern uns an den Hollywood-Film “A Beautiful Mind”), in dem alle Marktteilnehmer in ihrem Zustand verharren, solange nicht einer der Spieler seine Strategie ändert. Im einmaligen Spiel tut dies keiner der Spieler, Transaktionen kommen nicht zustanden, da die Verluste von Täuschungsmanövern anderer Spieler nicht geahndet werden können und Informationen über Verhaltensweisen nicht vorliegen. Ein klassisches Prisoner’s Dilemma…

Was hat dies alles mit Verpackungen in Japan zu tun? Einen Moment Geduld bitte noch, wir nähern uns der Fragestellung! ;-)

Aoki greift in seinem monumentalen Werk “Toward a Comparative Institutional Analysis” (MIT Press, 2001) die Bazar-Fragestellung wieder auf und argumentiert folgendermaßen: für den kurzfristigen Besucher eines Basars ist es unbemerkt, aber in der Realität bilden sich zwischen den Marktteilnehmern bestimmte Klientel heraus. Wenn im einmaligen Spiel positive Resultate erzielt wurden, wird diese Erfahrung durch ein Netzwerk weitergegeben, und innerhalb des Clubs verbreitet. Auf diese Art und Weise kann ein Täuschungsmanöver eines Marktteilnehmers in einem späteren Spiel geahndet werden - bspw. durch Ausschluss aus dem Club.

Somit haben Spieler im ersten Spiel folglich eine hohe Motivation, einen guten Eindruck zu hinterlassen und Vertrauen zu erzeugen. Dies kann durch den Austausch von Geschenken erfolgen, sog. “relationship-building costs”, um ihre guten Absichten zu betonen:

Imagine that traders exchange gifts as they shake hands prior to trade or sink some relationship-building costs […] to demonstrate their good intentions.
(Aoki, 2001:66)

In einer solchen Absichtserklärung ist es von Bedeutung, dass der Wert des Geschenks für den Schenker hoch ist. Der Nutzen für den Empfänger ist eher zweitrangig. (Um ehrlich zu sein, kommt mir das in Anbetracht der bisher in Japan erhaltenen Dinge sehr bekannt vor. ;-)

The gift should be costly to the giver but not be of value to the receiver (e.g. in fancy wrapping paper) or be consumed quickly by the receiver.
(Aoki, 2001:66)

Welche Rolle hat nun das Verpackungspapier? Es dient dazu, dass der Wert des Geschenks erheblich sinkt, sobald es ausgepackt wurde. Dadurch wird verhindert, dass sog. “recycling parasites” das Geschenk als eigene Absichtserklärung in einem zukünftigen ersten Spiel verwenden, und somit die Mitspieler zu täuschen.

Parasites could receive the gifts, then cheat, and recycle the gifts in deceiving their next trading partners.
(Aoki, 2001:66)

Meine Theorie:
Geschenke dienen in der japanischen Gesellschaft nicht unbedingt dazu, um jemanden mit dem Inhalt glücklich zu machen, sondern vielmehr dazu, Beziehungs-spezifische Kosten zu tätigen, und die Weiterverwendung des “Goodwills” durch Trittbrettfahrer (”recycling parasites”, die dann die die Geschenke als “Wanderpokale” weiterverschenken) zu unterbinden.

Also ist unbedingt Vorsicht anzuraten, wenn ein Empfänger das Geschenk mit Fingerspitzen auspackt, ohne das Papier zu beschädigen! Parasiten-Alarm! :-P Immer sofort aufs Auspacken vor Ort bestehen und das Geschenkpapier eigenhändig nach dem Auspacken vernichten!


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1 Comment Add your own

  • 1. Haf  |  February 8th, 2008 at 9:19 am

    Am besten aufessen!

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